14. Österreichisches Windsymposium24. bis 25. November 2020

FINNLAND ZEIGT: AKW-TECHNIK AUS EUROPA IST NICHT WETTBEWERBSFÄHIG

Milliardengrab für Siemens. Zwei interessante Bericht der deutschen TAZ-Zeitung

Für Europas Atomindustrie ist es das wichtigste Projekt der letzten 20 Jahre. Im finnischen Olkiluoto wollten die Reaktorbauer Siemens und Areva der Welt beweisen, dass sich Atomkraft rechnet, dass sie sicher, innovativ und schnell zu realisieren ist. In Olkiluoto wird nicht weniger als das modernste und leistungsstärkste Atomkraftwerk der Welt gebaut, der erste europäische Druckwasserreaktor der dritten Generation, für den die Zunft jahrzehntelang getrommelt hat. Hier sollte das Supervorzeige-AKW entstehen.

Doch das droht zum Milliardengrab zu werden. Schon ein halbes Jahr nach Baubeginn im Sommer 2005 mussten die ersten Probleme eingeräumt werden. Inzwischen ist von Mehrkosten bis zu 1,5 Milliarden Euro die Rede und von einer Verzögerung um volle zwei Jahre. Jeder weiß: Dabei wird es nicht bleiben. Olkiluoto hat das Zeug zu einem neuen Kalkar. Die finnische Auftraggeberin spricht offen von grundsätzlichen Problemen mit den vertraglich zugesicherten anspruchsvollen Standards. Auf Deutsch: Die Sicherheitstechnik läuft aus dem Ruder. Dazu kommen gravierende Kommunikationsprobleme mit unzähligen Subunternehmen.

Das alles klingt vertraut: Kostenexplosionen und Bauverzögerungen sind mit der Atomkraft verknüpft wie Wasserwerfer und Störfälle. Der große Unterschied: In Olkiluoto wurde der Bau
zu festen Preisen und Terminen vereinbart. Jeder Euro Mehrkosten, jede Stunde Bauverzögerung muss die Atomindustrie bezahlen. Siemens-Chef Peter Löscher ist zu Recht alarmiert.

Während der Öffentlichkeit eine Renaissance der Atomkraft eingeredet wird, zeigt sich das Scheitern der Branche, sobald es um konkrete Projekte geht. Indien, China und Russland bauen ihre eigenen AKWs mit einer Technologie, die bei uns nicht genehmigungsfähig wäre. Der angeblich sichere Reaktor mit moderner westlicher Technologie ist aber weder finanzierbar noch zeitgerecht zu bauen. Ein Fiasko in Olkiluoto, wie es sich jetzt abzeichnet, wäre das Ende der Zukunftsträume für Europas Atomindustrie. MANFRED KRIENER

Quelle: TAZ. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der TAZ - Corinna Urbach.

Vorzeige-AKW wird Zuschussgeschäft

Siemens rechnet mit 1,5 Milliarden Euro Zusatzkosten beim Neubau des "Flaggschiffes" der AKW-Branche. Durch Vertragsstrafen könnte die Verspätung des finnischen Reaktorneubaus für den Areva-Konzern noch teurer werden

AUS STOCKHOLM REINHARD WOLFF

Die Zukunft der Atomkraft kommt die Industrie teuer zu stehen. Seit dem Jahr 2003 baut der Areva-Konzern am finnischen Standort Olkiluoto ein Atomkraftwerk der dritten Generation. Doch der High-Tech-Reaktor wird und wird nicht fertig - und das kostet: 1,5 Milliarden Euro Zusatzkosten erwartet der französisch-deutsche Arvea-Konzern. Er bestätigt damit erstmals Zahlen, die Greenpeace schon im September letzten Jahres berechnet hatte.

Der Siemens-Konzern ist an dem Unternehmen mit einem Drittel beteiligt und dementiert nun auch nicht mehr, dass es etwa 500 Millionen Euro der zusätzlichen Kosten für den Kraftwerksneubau tragen muss. Der erste europäischen Reaktorneubau könnte sich zum Kreuzweg für Areva entwickeln. Um an den begehrten Neubauauftrag zu kommen, hatte sich das Konsortium Areva-Siemens mit 3 Milliarden Euro nicht nur verpflichtet, den Druckwasser-Atomreaktor zu einem Schnäppchenpreis zu liefern. Sondern auch eine Festpreisvereinbarung getroffen. Jeden Euro, den der Bau teurer wird, muss das Konsortium aus eigener Tasche zahlen.

Um die Kosten zu drücken, heuerte man 1.500 Zulieferer aus 28 Ländern an. Häufig wurden Firmen beauftragt, die keinerlei Erfahrung mit so einem Großprojekt hatten - dafür aber billig waren. Allerdings hat Areva dabei die Rechnung ohne den Bauherrn und die finnische Strahlenschutzbehörde STUK gemacht. Die weigerte sich, den Pfusch am Bau hinzunehmen, so dass viele Arbeiten mehrfach gestoppt und wieder neu ausgeführt werden mussten. In bislang über 1.500 Fällen gab es Abweichungen von den Sicherheitsbestimmungen, deren Nachbesserung die STUK verlangte. Der Zeitplan geriet dadurch aus den Fugen: Statt wie geplant im Sommer 2009 wird Olkiluoto 3 jetzt frühestens Ende 2011 in Betrieb gehen können.

Offenbar um die Aktionäre ruhig zu halten, hatte die Areva-Chefin Anne Lauvergeon kürzlich behauptet, man werde sich die Mehrkosten mit dem finnischen Bauherrn teilen. Was dieser, Teollisuuden Voima Oy (TVO), umgehend dementierte: Areva müsse allein für alle Kosten der Verspätung einstehen. Baupreis und Zeitplan für die Fertigstellung des "schlüsselfertig" bestellten Neubaus seien feste Vertragsbestandteile. TVO werde keinesfalls irgendwelche Kosten übernehmen.

Dazu haben die Finnen auch keine Veranlassung. Denn die Verspätung bei der Fertigstellung wird Privathaushalten und Industrie noch erhebliche Zusatzkosten bescheren. Schätzungen gehen von 3 Milliarden Euro aus, für die teurer Importstrom zugekauft werden muss. Die Finnen könnten versuchen, diese Kosten sowie Vertragsstrafen für jeden Tag der Bauverzögerung gegenüber Areva-Siemens geltend zu machen.

Lauri Myllyvirta von Greenpeace Finnland hält die Probleme für ebenso aufsehenerregend wie typisch für Reaktorneubauprojekte: "Der letzte Reaktorneubau in China verspätete sich wegen ähnlicher Probleme um zwei Jahre. In Taiwan liegt man bei einem Neubau um vier Jahre zurück. Ich hoffe, dass die Regierungen weltweit die Lektion gelernt haben und nicht unbedingt die gleichen Fehler wie die finnische Regierung mit ihrem Atomkurs machen wollen."

Quelle: TAZ. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der TAZ - Corinna Urbach.