14. Österreichisches Windsymposium24. bis 25. November 2020

Alles, was Recht ist

Innovative Formen der Finanzierung von Windkraftprojekten. Ein Interview mit Christian Thaler von der Kanzlei Brandl & Talos Rechtsanwälte

Was hat „Brandl & Talos“ mit der Windkraft zu tun?

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Christian Thaler: Wir sind Spezialisten für Kapitalmarktrecht und Finanzierung. Vor kurzem haben wir für die WEB Windenergie AG deren jüngste Kapitalmaßnahmen, nämlich eine Kapitalerhöhung und die Emission der ersten Windkraft-Anleihe Österreichs, betreut. Zusätzlich haben wir den Online- Traderoom, in dem die W.E.B-Aktie gehandelt wird, neu strukturiert. Abseits des Rechtlichen decken wir den Strombedarf unserer Kanzlei mit Ökostrom aus eigenen Photovoltaikanlagen und Kleinwasserkraftwerken.

Was genau war das rechtliche Problem mit dem Online- Traderoom?

Solche Online-Traderooms, wie es sie in Österreich auch bei der oekostrom AG und der Windkraft Simonsfeld AG gibt, wurden von der Finanzmarktaufsicht zuletzt kritisch gesehen. Ein solcher Traderoom funktioniert wie ein „Schwarzes Brett“ für Interessenten für den Kauf und Verkauf von Wertpapieren. Auf den ersten Blick kommt das der Tätigkeit einer Börse oder einer Bank sehr nahe. Wir haben mit unserem aufsichtsrechtlichen Know-how unserer Klientin geholfen, den W.E.BTraderoom derart neu zu strukturieren, um den Anforderungen der Aufsichtsbehörde voll zu entsprechen.

Welche neuen Ideen bringen Sie auf der Finanzierungsseite ein?

Unabhängige Anbieter betreiben in Österreich üblicherweise Eigenkapitalfinanzierung mit Aktien. Aber auch der Windkraft steht grundsätzlich ein breites Spektrum von möglichen Finanzierungsformen über den öffentlichen Kapitalmarkt zur Verfügung, wie wir sie aus anderen Branchen kennen. In Deutschland sehen wir schon deutlich mehr Anleihen, wie sie in Österreich von W.E.B jetzt zum ersten Mal im Windkraftsektor begeben wurde, oder hybride Finanzierungsformen wie Genussscheine. Ich denke, dass sich in Zukunft auch in Österreich das Spektrum noch verbreitern kann.

Was kann Ihr Beitrag dazu sein?

Wir wollen unsere juristische Expertise in Finanzierungsfragen zur Verfügung stellen, um für Windkraftprojekte auch neue Finanzierungsmodelle, die in Österreich noch nicht ausgeschöpft sind, zu erschließen. Neben festverzinslichen Formen wie einer Anleihe denken wir da etwa auch an Genussscheine. Diese könnten etwa mit einer gewinnabhängigen Verzinsung versehen werden, sodass der Anleger die Möglichkeit einer attraktiveren Verzinsung, das Unternehmen aber erhöhte Finanzierungssicherheit bei unerwarteten Ergebnisentwicklungen hat. Selbstverständlich umfasst unsere Expertise auch die „klassischen“, nicht kapitalmarktorientierten Formen der (Projekt-) Kreditfinanzierung.

Und welche Vorteile bringt das für die Anleger?

Ein wesentlicher Vorteil von Genussscheinen ist die große Flexibilität bei ihrer Ausgestaltung. Sie bieten die Chance, an einer positiven Unternehmensentwicklung überproportional zu partizipieren, also mehr als die fixen Zinsen einer Anleihe zu lukrieren. Mit einer begrenzten Laufzeit hat der Investor die Möglichkeit, seine Investition wieder abzuschichten, ohne von einem Markt oder Kurs abhängig zu sein. Bei Genussscheinkonstruktionen sind aber bankaufsichtsrechtliche Aspekte unbedingt zu berücksichtigen.

Weiterführende Links

Dieser Artikel erschien in der "windenergie"-Ausgabe Dezember 2010/Jänner 2011