14. Österreichisches Windsymposium24. bis 25. November 2020

Wald ist nicht gleich Wald

Nutzwälder als wertvolle Ausbauflächen für Windkraftstandorte

Über 22.000 Windkraftwerke stehen derzeit im Windkraft-Pionierland Deutschland. Auf der Suche nach neuen Ausbauflächen rücken hochinteressante, bisher noch wenig genutzte Räume, denen bislang nur geringe Aufmerksamkeit gewidmet wurde, immer mehr ins Blickfeld. Etwa ein Drittel der gesamten Landesfläche Deutschlands wird von Wäldern bedeckt. Und vor allem auf den bewaldeten Höhenlagen der deutschen Mittelgebirge zwischen 500 und 800 Höhenmetern herrschen ausgezeichnete Windverhältnisse.

Naturwald versus Forst

Doch das Thema „Windkraft im Wald“ ist emotional besetzt und daher sensibel, wie man auch in Österreich weiß. Viele Menschen nehmen „den Wald“ noch als reine Natur wahr, während offene landwirtschaftlich genutzte Flächen mit Feldern und Wiesen durchaus als Kulturlandschaft gesehen werden. Doch diese gefühlte Einschätzung hält einer näheren Betrachtung nicht Stand. „Der Großteil aller Wälder in Deutschland ist Wirtschaftswald, wird also forstwirtschaftlich bewirtschaftet“, sagt Heike Bunse, Senior Manager Faunistik und Artenschutz des deutschen Projektunternehmens juwi Wind GmbH. Rund 130 Windkraftanlagen an 22 Standorten auf kommunalen Waldflächen und Staatsforstflächen hat juwi Wind bereits errichtet und ist damit ein ausgewiesener Spezialist für Projekte an Waldstandorten. Heike Bunse unterscheidet genau: „Wald ist nicht gleich Wald. Es gibt ökologisch hochwertige Waldgebiete, die sind aber für uns vollkommen tabu. Aber der überwiegende Teil des Waldes ist ökonomisch hochwertig, ist Forstwald, und der harmoniert bei umsichtiger Detailplanung bestens mit der Nutzung der Windkraft.“ Auch das Bundesumweltministerium beschäftigt sich intensiv mit diesem Thema. Gemeinsam mit dem Deutschen Naturschutzring (DNR) hat es letzten Herbst die Fachtagung „Windenergie im Wald“ durchgeführt. Der DNR ist der Dachverband der im Natur und Umweltschutz tätigen Verbände in Deutschland und vertritt 96 Mitgliedsverbände. Ziel der Veranstaltung war es, Wege für einen naturverträglichen Ausbau der Windenergie im Wald aufzuzeigen. DNR-Generalsekretär Helmut Röscheisen stellte dazu fest: „Angesichts der Bedeutung der erneuerbaren Energien wie der Windenergie für den Klimaschutz sollte zukünftig der Bau von Windkraftanlagen in intensiv genutzten Wirtschaftswäldern mit einer geringen ökologischen Bedeutung stärker als bisher in Erwägung gezogen werden.“ Wertvolle Wälder mit alter und artenreicher Flora und Fauna kämen für den DNR aber für die Windkraftnutzung nicht in Frage. Auch Günter Ratzbor, Leiter der mittlerweile abgeschlossenen DNRKampagne „Umwelt- und naturverträgliche Nutzung der Windenergie in Deutschland“, ist sich der Unterschiedlichkeit von Waldgebieten sehr bewusst und meint: „In allen urwaldähnlichen und naturnahen Wäldern haben Windkraftanlagen nichts verloren. Wälder mit hohem Totholzanteil, mit alten, höhlenreichen Bäumen, flächendeckender Naturverjüngung und ähnlichen Qualitätsmerkmalen sollten wir in Ruhe lassen.“ Aber Ratzbor weiß auch: „In Lebensräumen, die durch Jagd und Forstwirtschaft zu Kulturlandschaften geworden sind, haben wir nur wenig Konflikte. Deshalb kann aus Sicht des Artenschutzes die Windkraftnutzung im Wald sogar weniger problematisch sein als an Offenlandstandorten.“

Wichtiges Potenzial

Das auch deshalb, weil das Ökosystem Wald nur bis zu den Baumwipfeln reicht, die Windräder aber weit darüber hinausstehen. Die Rotoren der modernen Anlagengeneration mit einer Nabenhöhe um die 140 Meter und Rotorblattlängen von etwa 50 Metern lassen 60 Meter freien Luftraum oberhalb des Walddaches. Bei fachgerechter Planung bieten Waldstandorte eine ganze Reihe von Vorteilen. In der Regel befinden sie sich in großer Entfernung zu Wohngebieten; Auswirkungen von Schall und Schattenwurf sind daher vernachlässigbar. Vorhandene Forststraßen können in die Zuwegung einbezogen werden. Die benötigte Rodungsfläche ist minimal. Die Windräder stehen nur eine Baumlänge vom umliegenden Wald entfernt. Ja es entstehen dadurch sogar kleine Freiflächen, die das Ökosystem Wald auflockern und ökologisch aufwerten. Waldflächen gehören zu den wichtigen Ausbauflächen der Windenergie in Deutschland. Und immer mehr Landesregierungen erkennen dieses große Potenzial. Deswegen hat Bayern bereits beschlossen, die Staatsforste für die Windkraftnutzung zu erschließen. Rheinland-Pfalz geht einen ähnlichen Weg; auch dort wurden schon mehrere Windparks in Forsten errichtet. Und vor kurzem wurde in Brandenburg im Zuge der Energiestrategie 2020 der Bann über Windräder im Forstwald aufgehoben. Für Torsten Bischoff, den für die Windenergie zuständigen Referatsleiter im deutschen Bundesumweltministerium, steht fest: „Ohne Waldstandorte werden insbesondere die waldreichen Bundesländer ihre ehrgeizigen Ziele für den Ausbau der erneuerbaren Energien nicht erreichen können.“


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Dieser Artikel erschien in unserer Mitglieder-Zeitung "windenergie". Da viele der Artikel im Umfang für die Homepage optimiert wurden, empfehlen wir den Download des Original-Artikels.