14. Österreichisches Windsymposium24. bis 25. November 2020

Ing. Franz Niessler ist von uns gegangen - Ein letztes Interview der W.E.B von ihm

Ich bin Technokrat, kein Träumer! Ein ganzes Leben im Dienste der erneuerbaren Energieversorgung

© W.E.B
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Vor rund einem halben Jahrhundert begann Ing. Franz Nießler um die Energiewende zu ringen, als noch gar niemand wusste, was die Energiewende eigentlich ist. Seit dieser Zeit kämpft er für Österreichs Energieautarkie und die Abkehr von atomarer und fossiler Energieerzeugung. Nicht einmal ein Schlaganfall vor zwei Jahren konnte den streitbaren Endsiebziger stoppen. Laut und mahnend erhebt er immer noch seine Stimme für saubere Energielösungen und gegen Korruption und Freunderlwirtschaft. Martina Willfurth und Gerald Simon baten den österreichischen Solarpionier schlechthin zum Gespräch.

„Ich bin kein Visionär und schon gar kein Träumer. Ich bin ein Technokrat. Ich sehe mir die Dinge an und dann rechne ich mir das durch“, eröffnet der Ingenieur für Elektrotechnik das Gespräch und damit ist bereits viel gesagt und die Richtung vorgegeben. Wenn man versucht Franz Nießler in ein grün-romantisches Eck zu stellen, wird er grantig. Selbst die Anfänge fußten auf streng rationalen Überlegungen. Als 19-jähriger stieg er bei Siemens ein und konnte sich durch innovative Ideen schnell einen Namen machen.

Erdölkrise als Auslöser für das Engagement

Ende der 60er-Jahre war er bereits Schriftführer des Verbandes Sozialistischer Ingenieure (heute: Verband Sozialdemokratischer Ingenieure). Dieses hochkarätige Technikergremium beschäftigte sich schon 1969 mit der Abhängigkeit in die sich die halbe Welt gegenüber der OPEC begeben hatte. Endgültiger Auslöser für das Engagement für Erneuerbare Energien war dann die Erdölkrise 1973. Zu diesem Zeitpunkt formulierte Nießler seine Forderungen nach der Energieautarkie Österreichs, nach Substitution atomarer und fossiler Energieträger durch erneuerbare Quellen, vor allem durch die Solarenergie. „Die Politiker und ihre Vollzugsbeamten waren damals alle in den Klauen der Öllobby.“ So hätte damals ein Sektionschef allen Ernstes eine Studie anfertigen lassen, dass Wärmedämmung nichts bringe. „Alle die uns unterstützt haben wurden im Laufe der Zeit herausgekauft“, resümiert Nießler bitter und daran habe sich im Prinzip bis heute nichts geändert. Starke Worte, die aber aus dem Mund eines Mannes glaubwürdig klingen, der selber Bestechungsangeboten widerstehen musste und sogar mit dem Tod bedroht wurde, wenn er sein Engagement nicht einstellte.

Zivilcourage-Preis von Ö-Plus

Franz Nießler war nicht zu biegen. Dafür bekam er 2010 auch den Zivilcourage-Preis von Ö-Plus. „Ich bin Technokrat und ich rechne!“ Was Franz Nießler vor allem tut, ist hochrechnen. „Österreichs Stromverbrauch liegt bei knapp 70 Terawattstunden, 8.000 Windräder wären notwendig um diese Leistung zu erreichen. Es gibt 80.000 Hochspannungsmasten in Österreich, warum soll es nicht 8.000 Windräder geben? Wollte man die Energieautarkie allein mit Solarenergie schaffen, müsste man 3,5% der Gesamtfläche mit Solarpanelen verbauen.“ Ein Wert, der momentan den generellen Verbauungsgrad Österreichs widerspiegelt. „Platz ist genug da, sowohl für Wind- als auch für Solarenergie“, ist Nießler überzeugt, woran es fehle sei die Einsicht. Solange Architekten deshalb keine Solarpanele auf Schulen einplanen, weil sie sich dadurch nicht ihren „schönen Bau verschandeln“ lassen wollten, wäre es schwierig die einfachsten Dinge umzusetzen. Die nächste Hochrechnung betrifft sein eigenes Wirken. „Ich habe in meinem Leben durch meinen Beruf und mein Engagement 200 MW Energie eingespart. Wenn man davon ausgeht, dass das geplante Atomkraftwerk in Zwentendorf eine Leistung von 750 MW gehabt hätte, genügten 4 Nießlers um ein Atomkraftwerk zu ersetzen.“ Keine hochgerechnete Zahl sondern ein Faktum ist seine nunmehr 49 Jahre währende Ehe mit Ingrid. „Ohne sie hätte ich nicht so viel geschafft. Wenn einer einmal pfeifdrauf war, hat ihn der jeweils andere wieder aufgebaut. So hanteln wir uns noch immer Stück für Stück weiter“, verrät Nießler möglicherweise ein Geheimnis für sein unermüdliches Engagement. Früher als er selbst beteiligte sich Ingrid Nießler an einem Windparkprojekt in der damaligen DDR. Nießler selbst war W.E.B-Aktionär der ersten Stunde. Nach eigener Aussage sogar der ganz erste: „Ich war damals vor knapp 20 Jahren zu einem Vortrag über Solarthermie in Albrechts bei Gmünd eingeladen, dort lernte ich Andreas Dangl kennen und die Dinge nahmen ihren Lauf.“ Nießler hat ein umfangreiches Archiv der Geschichte der Erneuerbaren Energien in Österreich und darüber hinaus zusammengetragen. In acht zweiflügeligen Kästen auf dem Dachboden schlummert Aktenordner an Aktenordner, die alle darauf warten zu neuem Leben erweckt zu werden. Umso erfreulicher ist es, dass Franz Nießler zugesagt hat, dieses Archiv der W.E.B zur Verwendung für ein etwaiges Besucherzentrum zur Verfügung zu stellen. Damit würde das Lebenswerk Franz Nießlers erhalten bleiben und zusätzlich einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich sein. Im Gegenzug verspricht die W.E.B an die ungehobenen Schätze verantwortungsbewusst und „im Sinne des Erfinders“ heranzugehen. Alle Verdienste und Projekte Franz Nießlers zu erwähnen oder gar genauer vorzustellen würde den Rahmen dieser kleinen Geschichte bei weitem sprengen. Überraschend ist, dass das persönliche Resümee eher mittelprächtig ausfällt: „Natürlich haben wir einiges erreicht, aber von einer Energieautarkie Österreichs sind wir noch immer weit entfernt. Nach wie vor wendet Österreich € 2.000 pro Kopf für ausländische Energie auf.“ Und es wäre nicht Franz Nießler würde nicht auch gleich wieder die Polemik folgen: „Und da kommt uns die Öllobby dauernd mit dem Ökostrombeitrag auf unseren Stromrechnungen. Lächerlich!“

Europäischer Solarpreis 2012

Zumindest die Fach-Öffentlichkeit sieht das Engagement Nießlers unkritischer als er selbst und verlieh ihm den Europäischen Solarpreis 2012 in der Kategorie „Sonderpreis für persönliches Engagement“. Solarpreis hin, Solarpreis her, Franz Nießler ist sowieso nicht zu bremsen und wir wünschen ihm und seiner Frau noch viele Jahre in der Wärme der Solarenergie und vor allem bei bester Gesundheit.

Leider ist es dazu nicht gekommen. Am 31. August ist Franz Nießler gestorben. Er wird am 12. September 2013 am Ottakringer Friedhof begraben.

Ein Interview der W.E.B Windenergie AG

Weiterführende Links

Eurosolar-Information
Zur W.E.B Windenergie AG