13. Österreichisches Windsymposium14. und 15. März 2018

Klimaforscher spricht Klartext

AWES Keynote Speaker Stefan Rahmstorf mahnt die Politik zu raschem Handeln.

Stefan Rahmstorf ist seit 1996 am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung tätig und weltweit einer der renommiertesten Klimaforscher. Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit des studierten Physikers
sind Ozeanografie und Paläoklimatologie. Er ist Autor/Co-Autor von über 100 wissenschaftlichen Artikeln und gehörte zu den Leitautoren des 2007 veröffentlichten Vierten Sachstandsberichts des Weltklimarates (IPCC). Als Hauptreferent beim WES 2018 hat Stefan Rahmstorf den aktuellen Status der Klimafolgenforschung präsentiert:

Sind die Pariser Klimaziele, die globale Erwärmung unter 2°, besser noch 1,5° zu halten, noch realistisch erreichbar?

Stefan Rahmstorf: Aus meiner Sicht ist es extrem unwahrscheinlich, dass wir die 1,5° noch halten können, weil die globale Erwärmung schon jetzt 1,1° gegenüber dem vorindustriellen Temperaturniveau erreicht hat. Realistischer ist es, die Erwärmung unter 2° zu halten, was ja das Hauptziel des Pariser Abkommens ist. Aber selbst das würde sehr rasche und entschiedene Maßnahmen erfordern, die man bislang in der Politik nicht erkennen kann.

Welche Auswirkungen hat der angekündigte Ausstieg der USA für den weiteren Prozess?

Ich glaube nicht, dass die aktuelle Haltung der USA darauf einen allzu großen Einfluss hat, da auch innerhalb der USA viele Großstädte und Bundesstaaten sagen: Jetzt erst recht! Und man sieht ja auch, dass sich international keine Staaten hinter der Haltung der USA verstecken, sondern diese durchaus entschlossen sind, den Pariser Vertrag umzusetzen. Obwohl ich noch einmal anmerken muss, dass derzeit keine wirklich konkreten Maßnahmen auf dem Tisch liegen, die das auch tatsächlich
ermöglichen können.

Hat bei der Aufklärung über die Dringlichkeit auch die Wissenschaft versagt?

Das denke ich nicht. Die Wissenschaft hat sehr frühzeitig und sehr klar erklärt, was Sache ist. Ich erinnere daran, dass der erste offizielle US-Expertenbericht, der vor dem Anstieg der Treibhausgase und der Erderwärmung sowie den damit einhergehenden Folgen wie Meeresspiegelanstieg usw. gewarnt hat, an den damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson ergangen ist – und das war 1965. Es hat dann 50 Jahre gedauert, bis das Pariser Abkommen vereinbart wurde. In diesen 50 Jahren sind unzählige Berichte erschienen. Der Weltklimarat IPCC hat alle paar Jahre in seinen Sachstandsberichten sehr eindringlich erläutert, was die Wissenschaft über den Klimawandel weiß.

Welche Auswirkungen des Klimawandels beobachtet die Klimaforschung?

Schon jetzt ist die Hälfte der arktischen Meereisdecke verschwunden, und die restliche Eisdecke wird immer dünner. In wenigen Jahrzehnten werden wir wahrscheinlich die ersten Sommer ohne Eis im Nordpolarmeer erleben. Auch der Grönland-Eisschild verliert fast überall an Masse. In der Antarktis verliert vor llem der kleinere westantarktische Eisschild an Masse, sein Abschmelzen reicht aber aus, um den weltweiten Meeresspiegel um drei Meter anzuheben. Und wahrscheinlich ist er bereits so destabilisiert, dass er abschmelzen wird, selbst wenn wir die globale Erwärmung sofort stoppen könnten.

Schon jetzt scheinen sich auffällige Wetterextreme zu häufen.

Worüber wir nach der letzten Hurrikan-Saison im Atlantik reden müssen, ist die zunehmende Stärke der Tropenstürme. Diese ziehen ihre Energie aus den warmen Meeresoberflächen, deswegen gibt es sie auch nur in den Tropen mit Wassertemperaturen über 26°C. In den letzten Jahren haben wir in fast jedem Meeresbecken die stärksten Tropenstürme seit Beginn der Satellitenmessungen erlebt. Dazu kommen Rekorde bei der Dauer der Stürme und der Regenmenge.

Wie wird es mit der Erderwärmung weitergehen?

Bei ungebremstem Anstieg der Emissionen bis zum Ende des Jahrhunderts, also bis 2100, landen wir etwa bei 4° Erwärmung, später noch bei 7° oder 8° Erwärmung. Das wäre dann aber ein komplett anderer Planet, nahezu unvorstellbar, wie das dann aussehen würde. Wir sprechen immer von einer globalen Durchschnittstemperatur, allerdings erwärmen sich die Kontinente stärker als die Ozeane. In einem Szenario mit 4° Erwärmung im globalen Mittel würden sich die Landmassen um 6° und mehr erwärmen, denn der globale Mittelwert setzt sich zu zwei Drittel aus den Meerestemperaturen zusammen. Nur wenn es uns gelingt, die Emissionen bis 2050 auf null runterzufahren, können wir den Anstieg der globalen Temperatur auf unter 2° begrenzen.

Was ist aus Sicht des Wissenschaftlers dringend notwendig?

Das Entscheidende für mich wäre, dass man den Fakten ins Auge blickt, dass ich Politiker an den Fakten orientieren und ihre Strategie daran ausrichten, wie schnell tatsächlich die Emissionen sinken müssen. Ich denke, das sollte die oberste Priorität der Politik sein, weil es sich beim Klimawandel um eine nie da gewesene Bedrohung der menschlichen Zivilisation handelt, in die wir hier langsam, aber sicher hineingeraten.

Was bedeutet das praktisch, welche Maßnahmen braucht es?

Es ist doch ganz klar, dass man keine fossilen Energien mehr subventionieren darf, wie das heute noch immer in großem Umfang weltweit passiert. Solange wir die fossilen Energien subventionieren, kann niemand behaupten, dass wir versuchen auszusteigen. Klar ist auch, dass wir im Stromsektor so schnell wie möglich aus der Kohle raus und in Richtung 100% erneuerbare Energien gehen müssen. Aber der Stromsektor allein reicht natürlich nicht aus, es gibt noch viel komplexere Aufgaben in puncto Mobilität, Wärme oder Industrie.

Welche Verantwortung sehen Sie da für die Industriestaaten?

Die Industriestaaten sind für mehr als drei Viertel der bisherigen CO2-Emissionen verantwortlich. Daher sind die Entwicklungs- und Schwellenländer der Überzeugung, dass die Industriestaaten schneller reduzieren müssen. Es muss daher für die Entwicklungs- und Schwellenländer eine Möglichkeit geben, Entwicklung nachzuholen und zu wachsen. Diese Länder haben auch nicht die finanziellen Ressourcen, ihre Energiesysteme so rasch umzustellen, wie es die reichen Industrienationen sehr wohl tun könnten.

Wie sehr drängt die Zeit, wie viel Spielraum haben wir noch?

Es kommt wirklich auf die nächsten paar Jahre an, 2020 ist so ziemlich der späteste Wendepunkt, den wir uns leisten können. Um bis spätestens 2050 die Emissionen auf null zu bringen, müssen wir alle 5 bis 7 Jahre den Anteil der Erneuerbaren an der Primärenergie verdoppeln, was wir übrigens auch in den letzten 20 Jahren geschafft haben. Aber ehrlich gesagt, ich fürchte, das haben die meisten Politiker noch nicht verstanden. Weltweit steigen die Emissionen sogar noch, wir sehen Reduktionen in Europa und den USA, aber auch dort reicht das Tempo der Reduktionen bei weitem nicht aus, um den Pariser Vertrag tatsächlich zu erfüllen.

Ist der Wissenschaftler angesichts der Fakten da nicht manchmal frustriert?

Ich bin sogar sehr frustriert, weil ich über 25 Jahre in der Klimaforschung tätig bin und sehe, was die Fakten sind und wie die Zeit drängt. Zum einen bin ich frustriert über jene Leute, die einfach aggressiv die Fakten leugnen, wie zum Beispiel jetzt die Trump-Administration. Für einen Wissenschaftler ist das absolut haarsträubend, was da jetzt alles so behauptet wird, was den Tatsachen widerspricht. Aber fast noch frustrierender sind jene Politiker, wozu auch die deutsche Bundesregierung gehört, die zwar die Fakten anerkennen, Lippenbekenntnisse ablegen und Klimaziele verkünden – aber dann tun sie kaum etwas, verfehlen diese Ziele und verkünden einfach neue.