14. Österreichisches Windsymposium24. bis 25. November 2020

Tatsachen endlich ernstnehmen

Die nächsten Jahre entscheiden über Erfolg und Misserfolg der weltweiten Klimapolitik.

© Intergovernmental Panel on Climate Change
 © Intergovernmental Panel on Climate Change

Wenn Sie das hier lesen, ist die diesjährige UN-Klimakonferenz COP24 im polnischen Kattowitz schon gelaufen. Die dort getroffenen Entscheidungen stellen die Weichen, wie es mit dem Weltklima, mit den globalen Treibhausgas-Emissionen und der damit verbundenen Erderwärmung weitergeht. Die Bedeutung der COP24 hat UN-Generalsekretär António Guterres im Vorfeld unmissverständlich definiert: „Der Klimawandel stellt uns vor die wichtigste und entscheidendste Aufgabe unserer Zeit. Er bedeutet für uns alle eine existenzielle Bedrohung. Wenn wir unseren Kurs bis zum Jahr 2020 nicht entscheidend ändern, riskieren wir desaströse Folgen für Mensch und Natur. Denn der jetzige Kurs zerstört die Kreisläufe der Natur, von der wir leben.“ Wohlgemerkt: Guterres spricht von einer Kursänderung „bis zum Jahr 2020“.

Unbedingt sofort handeln

Deshalb hat die UNO als Daten- und Entscheidungsgrundlage einen Sonderbericht des Weltklimarates IPCC über Stand und Auswirkungen der globalen Erwärmung um 1,5 °C angefordert. Denn in Kattowitz sollten die Absichtserklärungen des Pariser Weltklimaabkommens von 2015 in feste Regelungen gegossen werden. Dieser Sonderbericht macht den politischen Entscheidungsträgern Feuer unter dem Hintern. Denn die zentralen Aussagen lauten: Die Zusagen von Paris greifen viel zu kurz, sind viel zu niedrig angesetzt, um den weltweiten Temperaturanstieg unter 1,5 °C zu halten, es muss wesentlich mehr getan werden. Und vor allem: Es muss schnell, es muss sofort gehandelt werden, denn die Zeit drängt. Kim Hoesung Lee, der Vorsitzende des Weltklimarates, gab der Politik eine mahnende Botschaft mit auf den Weg: „Wir haben euch die wissenschaftlichen Daten geliefert, es liegt jetzt ganz an euch, die notwendigen Maßnahmen in die Tat umzusetzen.“

Das sieht auch Johannes Wahlmüller, engagierter Klima- und Energiesprecher von Global 2000, so, der bekräftigt: „Die Zeit läuft uns davon. Es muss gelingen, das Ruder herumzureißen und Beschlüsse zu deutlichen Emissionsreduktionen zu fassen. Es braucht eine deutliche Stärkung der
Klimaschutzmaßnahmen in allen Ländern. Unsere Zukunft liegt in den erneuerbaren Energien, es gibt keinen Grund noch länger zu warten.“

Bei einer Präsentation des IPCC-Sonderreports Mitte November in Wien stellte Joeri Rogelj, einer der führenden Autoren des Berichts, ganz klar fest: „Was wir im nächsten Jahrzehnt in der Klimapolitik machen oder aber unterlassen, hat ganz wesentliche und entscheidende langfristige Auswirkungen auf die kommenden Jahrzehnte.“ Wie Rogelj ausführte, würden sogar bei einer Stabilisierung der Temperatur manche schon eingetretenen Auswirkungen weitergehen – wie etwa der Anstieg des Meeresspiegels oder das Abschmelzen der Gletscher. Die Botschaft des Berichts ist eindeutig und fordernd: Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, müssen unbedingt in den nächsten zehn Jahren weltweit weitreichende Maßnahmen gesetzt werden.

Bild: © IPCCBild: © IPCC

Die Dringlichkeit der Forderung, unbedingt sofort zu handeln, wird auch durch andere wissenschaftliche Studien untermauert. Der „Emission Gap Report 2018“ von UNEP (United Nations Environment Programme) lässt ebenfalls alle klimapolitischen Alarmglocken schrillen, denn der ernüchternde Befund lautet: „Globale Treibhausgas-Emissionen scheinen noch immer nicht ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Nach drei Jahren relativer Stabilität sind die weltweiten CO2-Emissionen 2017 wieder gestiegen und haben einen Allzeit-Höchstwert von 53,5 GtCO2 erreicht. 

Riesige Lücke zu schließen

Zum Vergleich: Um die Erderwärmung gemäß den Pariser Klimazielen unter 1,5°C zu begrenzen, müssen die globalen CO2-Emissionen gegenüber dem Niveau von 2017 bis spätestens 2030 um etwa 55% reduziert werden.“ Dieses Ergebnis ist völlig kongruent mit den Ergebnissen des IPCC-Sonderberichts. In diesem haben die WissenschaftlerInnen ein noch verbleibendes globales CO2-Budget von 420 bis 580 GtCO2 ermittelt. Die Zusagen, die die Staaten in der Folge von Paris gemacht haben, summieren sich aber zu einem Jahresausstoß von 58 bis 52 GtCO2. Die Rechnung ist einfach: Damit wäre unser weltweites CO2-Budget in 7 bis 11 Jahren erschöpft. Um die Pariser Ziele zu erreichen, muss das jährliche Emissionsvolumen bis spätestens 2030 auf 25 bis 30 GtCO2 runtergefahren werden. Die dramatische Wahrheit, die die Ergebnisse des IPCC-Berichts offenbaren: Zwischen dem, was nach Paris zugesagt wurde, und dem, was für die Pariser Ziele notwendig ist, klafft eine riesige Lücke von 33 bis 22 GtCO2. Anders ausgedrückt: Die weltweite Staatengemeinschaft muss ihren CO2-Ausstoß gegenüber den bisherigen Zusagen halbieren und diese mit zusätzlichen Maßnahmen unterfüttern.

Zuwarten kommt teuer

Was diese „Unterdeckung“ für den Temperaturanstieg bedeutet, benennt Rogelj präzise: „Wenn diese Lücke mit den Ergebnissen der COP24 nicht geschlossen wird, müssen wir uns definitiv auf ein Plus von 3 °C gefasst machen.“

Die aufrüttelnde Botschaft der IPCC-Studie ist eindeutig: Notwendige Klimaschutzmaßnahmen dürfen nicht länger aufgeschoben werden. Ein Zuwarten bringt keinen Vorteil, sondern jede Menge Nachteile. Explizit wies Rogelj darauf hin: „Maßnahmen müssen sofort, also in den nächsten zwei, drei Jahren gesetzt werden, damit sie dann im kommenden Jahrzehnt wirksam werden. Staaten, die das auf die lange Bank schieben, werden die Maßnahmen später unter großem Druck und zu deutlich höheren Kosten nachholen müssen.“ Wenn Sie das hier lesen, wissen Sie bereits, ob bei der COP24 eine Klimaschutz-Erfolgsgeschichte verfasst worden ist, ob vor allem die EU unter Österreichs Ratsvorsitz die Staatengemeinschaft auf verstärkte Klimaschutzmaßnahmen eingeschworen hat oder die Ignoranz der Politik doch größer ist als die wissenschaftliche Evidenz.

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Dieser Artikel erschien in unserer Mitglieder-Zeitung "windenergie".

Weiterführende Links

www.ipcc.ch/report/sr15 (IPCC-Sonderbericht)
UNEP-Report 2018